Kirchenregister Caussade – Juni/Juli 1737¶
Diese Seite aus dem Kirchenregister von Caussade dokumentiert das alltägliche Leben in einer französischen Kleinstadt im Sommer 1737. Sie enthält acht Einträge: drei Taufen, zwei Beerdigungen und den Beginn eines Heiratseintrags.
Vollständige Transkription aller Einträge¶
1. Beerdigung – Guillaume Messip (27. Juni 1737)¶
Guillaume Messip, Sohn von Jean Messip (Winzer) und Marie Aymard (verheiratet), etwa 15 Monate alt, gestorben am 27. Juni 1737, beerdigt am Folgetag auf dem Friedhof.
Anwesend: Jean Messip (Vater) und Pierre Messip (Onkel).
Anmerkung
„Non signés pour ne savoir" – nicht unterschrieben, weil sie nicht schreiben können.
Unterschrift: Lacroix vic.
2. Taufe – Jean Perry (Datum teilweise unleserlich)¶
Jean Perry, Sohn von Antoine Perry (Holzschuhmacher/„faiseur de sabots") und Catherine [Name teilweise unleserlich], verheiratet.
Der Eintrag nennt Geburt und Taufe „am selben Tag"; das genaue Datum sowie einzelne Orts- und Patenangaben sind auf dem Scan teilweise unleserlich.
Anmerkung
„Non signés pour ne savoir" – nicht unterschrieben, weil sie nicht schreiben können.
Unterschrift: Lacroix vic.
3. Beerdigung – Jacques Moysset (1. Juli 1737)¶
Jacques Moysset, Sohn von Jacques Moysset (Schulmeister/„maître d'école") und [Vorname der Mutter unleserlich], verheiratet, etwa 3 Monate alt, gestorben am 1. Juli 1737, beerdigt am Folgetag.
Anwesend: der Vater und Jean [Nachname unleserlich].
Anmerkung
„Qui n'a signé pour ne savoir" – hat nicht unterschrieben, weil er nicht schreiben kann.
Unterschrift: Lacroix vic.
4. Taufe – Jeanne Simon (2. Juli 1737)¶
Jeanne Simon, Tochter von Gérard Simon und Antoinette Guilley (verheiratet), geboren am 2. Juli 1737, getauft am 7. Juli.
- Pate: Sieur Jean Clément (Zusatzangaben zur Herkunft/Qualität sind schwer zu entziffern)
- Patin: Jeanne [Nachname unleserlich], „de la pte ville" (aus der genannten Stadt)
Unterschriften: Clément und Lacroix vic.
5. Taufe – Jeanne [Nachname unsicher, etwa „Ethi(…)quel" oder ähnlich] (5. Juli 1737)¶
Jeanne …, Tochter von Joseph Michel (Wollkämmerer/„peigneur de laine") und Françoise Andrieu (verheiratet), geboren am 5. Juli 1737.
Sie wurde zu Hause notgetauft („ondoyée à la maison") durch Élisabeth Cayrou, Hebamme, am selben Tag; die Taufzeremonien wurden am 7. Juli nachgeholt („les cérémonies du baptême sont suppléées").
- Pate: Antoine Cavalier (Unterschrift „Cavalier")
- Patin: Jeanne Quilles
Anmerkung
„Qui n'a signé pour ne savoir" – hat nicht unterschrieben, weil sie nicht schreiben kann.
Unterschrift: Lacroix vic.
Notbaptismus
Bei gesundheitlich gefährdeten Neugeborenen wurde die Nottaufe zu Hause durch eine Hebamme vollzogen, um das Seelenheil des Kindes zu sichern. Die kirchlichen Zeremonien wurden später nachgeholt.
6. Taufe – Etienne Cabos (9. Juli 1737)¶
Etienne Cabos, Sohn von Laurens Cabos (Kaufmann/„marchand") und Demoiselle Marie [Rey] (verheiratet), geboren am 9. Juli 1737, getauft am Folgetag.
- Pate: Sieur [Etienne Prunet], „maître chirurgien" (Meisterchirurg) – Name/Details teilweise unleserlich
- Patin: Demoiselle Claire [St. Genies]
Mehrere Unterschriften sind am unteren Rand des Eintrags zu erkennen, darunter eine große Unterschrift „… Cabos" sowie Lacroix vic.
Bedeutung
Dies ist der Taufeintrag von Etienne Cabos, dem Protagonisten dieser Familiengeschichte. → Detailseite zur Taufe Etienne Cabos
7. Taufe – Guillaume Henry Bernadou (10. Juli 1737)¶
Guillaume Henry Bernadou, Sohn von Pierre Bernadou und Marie Audoy (verheiratet), geboren am 10. Juli 1737, getauft am 12. Juli.
- Pate: Noble Guillaume Henry [Qualität/Herkunft teilweise unleserlich]
- Patin: Demoiselle Marguerite de Laurence (Name mit Unsicherheit gelesen)
Unterschriften: Lacroix vic. und eine Unterschrift, die wie „Molinie" oder „Molinié" aussieht.
8. Beginn eines Heiratseintrags (17. Juli 1737)¶
Eine Zeile beginnt:
„Le dixseptième juillet mil sept cent trente sept, après la publication des bans de mariage dûment faite, ne s'étant découvert aucun empêchement ni autre opposition…"
Am siebzehnten Juli 1737, nach ordnungsgemäßer Verkündigung der Heiratsaufgebote, nachdem sich kein Hindernis oder anderer Einspruch ergeben hat…
Der Eintrag bricht hier ab bzw. geht auf der nächsten Seite weiter.
Historischer Kontext: Analphabetismus im 18. Jahrhundert¶
„Pour ne savoir" – weil sie nicht schreiben können¶
Auffällig an dieser Kirchenregister-Seite ist die wiederholte Formulierung „non signés pour ne savoir" bzw. „qui n'a signé pour ne savoir" bei mehreren Einträgen. Dies bedeutet wörtlich: „nicht unterschrieben, weil sie nicht wissen (zu schreiben)".
Diese Standardformel dokumentiert den weit verbreiteten Analphabetismus im ländlichen Frankreich des 18. Jahrhunderts.
Wer konnte schreiben?¶
Die Einträge zeigen deutliche soziale Unterschiede:
| Sozialer Stand | Beispiel | Unterschrift? |
|---|---|---|
| Handwerker/Bauern | Jean Messip (Winzer), Antoine Perry (Holzschuhmacher) | ❌ Nein – „pour ne savoir" |
| Kleine Handwerker | Joseph Michel (Wollkämmerer) | ❌ Die Patin konnte nicht schreiben |
| Gebildete Berufe | Jacques Moysset (Schulmeister!) | ❌ Konnte selbst nicht unterschreiben |
| Bürgerliche Elite | Laurens Cabos (Kaufmann) | ✅ Ja – große Unterschrift |
| Mediziner/Akademiker | Etienne Prunet (Chirurg), Jean Clément | ✅ Ja |
| Adel/Damen | Claire St. Genies, Marguerite de Laurence | ✅ Ja |
Besonders bemerkenswert: Der Schulmeister¶
Ein tragisches Detail: Jacques Moysset, der Vater des verstorbenen Kindes in Eintrag 3, wird als „maître d'école" (Schulmeister) bezeichnet – und doch heißt es bei der Beerdigung seines Sohnes, er habe „nicht unterschrieben, weil er nicht schreiben kann".
Dies zeigt:
- „Schulmeister" bedeutete im 18. Jahrhundert nicht zwingend akademische Bildung
- Auch elementare Dorfschullehrer konnten selbst Analphabet sein
- Sie brachten Kindern eher praktische Kenntnisse und Katechismus bei als Lesen/Schreiben
- Schreiben war ein Privileg der gebildeten und wohlhabenden Schichten
Die Rolle der Hebamme¶
In Eintrag 5 taucht Élisabeth Cayrou, sage-femme (Hebamme) auf. Sie vollzieht die Nottaufe – eine wichtige religiöse Handlung. Hebammen hatten eine Sonderstellung: Sie mussten von der Kirche zugelassen werden und schwören, im Notfall taufen zu können. Oft gehörten sie zu den wenigen Frauen mit medizinischem und religiösem Grundwissen.
Die Cabos-Familie: Eine Ausnahme¶
Der Taufeintrag von Etienne Cabos (Eintrag 6) zeigt einen deutlichen Kontrast:
- Große, selbstbewusste Unterschrift von Laurens Cabos (Vater)
- Pate ist ein Meisterchirurg (Etienne Prunet)
- Patin ist eine Dame (Claire St. Genies)
- Mutter wird als „Demoiselle" (Fräulein/Dame) bezeichnet – ein Ehrentitel
Die Familie Cabos gehörte zur gebildeten, schreibkundigen Bürgerschicht – eine Minderheit in Caussade. Diese soziale Stellung erklärt auch, warum Etienne später als Chirurg in preußischen Diensten Karriere machen konnte.
Statistik der Seite¶
Von den 8 Einträgen auf dieser Seite:
- 5 Einträge enthalten die Formel „pour ne savoir" (nicht schreibkundig)
- 3 Einträge zeigen Unterschriften gebildeter Personen (Kaufmann, Chirurgen, Adlige)
Dies spiegelt die Realität wider: Schätzungsweise 70-80% der ländlichen Bevölkerung Frankreichs konnten im 18. Jahrhundert weder lesen noch schreiben.
Bedeutung für die Familiengeschichte¶
Diese Kirchenregister-Seite dokumentiert nicht nur die Geburt von Etienne Cabos, sondern gibt Einblick in:
- Das soziale Gefüge von Caussade im Jahr 1737
- Die hohe Kindersterblichkeit (2 Kinderbestattungen in einer Woche)
- Die Bildungsprivilegien der Familie Cabos
- Den Alltag einer französischen Kleinstadt vor der Revolution
Die Tatsache, dass Laurens Cabos schreiben konnte und sein Sohn bei einem Chirurgen zur Patenschaft war, zeigt die gesellschaftliche Position, die es Etienne später ermöglichte, den Beruf des Chirurgen zu erlernen und in preußische Dienste zu treten.
Dokumentinformationen¶
| Feld | Wert |
|---|---|
| Dokumenttyp | Kirchenregister-Seite (Taufen, Beerdigungen, Heirat) |
| Zeitraum | 27. Juni – 17. Juli 1737 |
| Ort | Caussade, Tarn-et-Garonne, Frankreich |
| Pfarrer | Lacroix (Vikar/„vic.") |
| Sprache | Französisch |
| Erhaltungszustand | Gut lesbar, einige Namen/Details unleserlich |
