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Unterhaltsvertrag mit dem Konsistorium Rotterdam (1792)

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Dokumentinformationen

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Dokumenttyp Vertrag/Vereinbarung
Datum 18. April 1792
Ausstellende Institution Konsistorium der lutherischen und wallonischen Kirche Rotterdam
Unterzeichner Etienne Cabos und Justine Maria Siercken
Vereinbarte Summe 250 Gulden (125 von jeder Kirche)

Transkription (Übersetzung aus dem Niederländischen)

Versorgung / Unterhalt

Vertrag von Étienne Cabos und seiner Ehefrau Justina Maria Siercken, die dabei sind, nach Deutschland aufzubrechen, nachdem sie 250 Gulden von der wallonischen und der lutherischen Diakonie bekommen haben am 18. April 1792.


Wir, die unterschreibenden Étienne Cabos und Justine Maria Siercken, edle Leute, zur Zeit wohnhaft in der Stadt Rotterdam, sind zu diesem Zeitpunkt bereit nach Deutschland auszureisen. Wir bestätigen hiermit, dass wir und unsere Kinder seit einigen Jahren Unterhalt bezogen, sowohl durch die ehrenwerten Herren Diakone von den Wallonen, als auch von der hiesigen lutherischen Gemeinde.

Vor kurzem sind wir von dem ehrenwerten Konsistorium (kirchliche Behörde) informiert worden, dass wir die Genehmigung haben nach Deutschland zu übersiedeln um bei unserer Familie, welche uns eingeladen hat, zu wohnen. Wir nehmen dieses Angebot wahr, nicht nur um unsere unglückliche Lage zu verbessern, sondern auch die zwei Diakonien von einer schweren Last, die sie zu tragen haben um unsere Bedürfnisse zu erfüllen, zu befreien.

Unser Ersuchen ist von den beiden Diakonien genehmigt worden und beide sind bereit uns zu helfen und zu unterstützen, die Wallonische Diakonie mit einer Summe von 125 Gulden und die gleiche Summe von 125 Gulden auch die lutherische Diakonie, was zusammen 250 Gulden ergibt, welche wir bestätigen empfangen zu haben und bedanken uns für diese freundliche Unterstützung, so dass wir die Reise nach Deutschland direkt antreten können um dort wohnen zu bleiben.

Dort angekommen verpflichten wir uns nie wieder Anspruch auf Unterhalt von beiden Diakonien, unter welchen Umständen auch immer, zu erheben. Weiterhin wollen wir unsere Dankbarkeit für die vielen Jahre Unterhalt für uns und unsere Kinder zum Ausdruck bringen und verpflichten uns die Summe von 250 Gulden sobald es uns möglich ist an die Wallonische Diakonie und die lutherische Gemeinde zurück zu zahlen.

Rotterdam 18 April 1792

Unterschrieben:

  • E. Cabos
  • M.J. Cabos, geborene Siercken

Heute in dem Konsistorium der hiesigen lutherischen Gemeinde.


Beschreibung

Dieses Dokument offenbart einen weniger ruhmreichen Abschnitt im Leben der Familie Cabos: die finanzielle Not und die Abhängigkeit von kirchlicher Unterstützung.

Der wirtschaftliche Niedergang

Die Familie Cabos hatte 1780 hoffnungsvoll in Rotterdam neu angefangen - mit einem Galanteriewarengeschäft am Vissersdijk. Doch irgendetwas lief schief:

  • Das Geschäft scheint nicht erfolgreich gewesen zu sein
  • Die Familie war "seit einigen Jahren" auf Unterstützung angewiesen
  • Sowohl die wallonische als auch die lutherische Gemeinde unterstützten die Familie

Die Vereinbarung

Der Vertrag regelte Folgendes:

Aspekt Details
Reisegeld 250 Gulden (125 von jeder Kirche)
Bedingung Übersiedlung nach Deutschland
Verpflichtung Kein erneuter Anspruch auf Unterstützung
Rückzahlung "sobald es möglich ist"

Die Bedeutung von 250 Gulden

250 Gulden waren im späten 18. Jahrhundert eine erhebliche Summe Geld. Um dies in Perspektive zu setzen:

Im Verhältnis zu Arbeiterlöhnen:

  • Ein ungelernter Arbeiter verdiente etwa 300 Gulden pro Jahr[^1]
  • Ein Handwerker (Maurer, Tischler) verdiente etwa 250-600 Gulden pro Jahr[^2]
  • Ein Meister-Tischler konnte etwa 1 Gulden pro Tag verdienen (ca. 300 Gulden/Jahr bei 300 Arbeitstagen)[^3]
  • Professionelle Maler verdienten bis zu 3 Gulden pro Tag[^3]

Das bedeutet konkret:

Die 250 Gulden entsprachen: - 10 Monaten Arbeit eines ungelernten Arbeiters - 6-12 Monaten Arbeit eines durchschnittlichen Handwerkers - Fast einem Jahresgehalt für einfache Arbeiter

Kaufkraft:

Arme Familien gaben bis zu 50% ihres Einkommens für Brot aus.[^4] Die 250 Gulden mussten nicht nur die Reisekosten decken, sondern auch den Neuanfang in Deutschland ermöglichen - Unterkunft, Verpflegung und möglicherweise die Etablierung einer neuen Existenz.

Für eine Familie mit sechs überlebenden Kindern (Johann Carl, Friedrich Ludwig, Franz Alexander, Henriette, Etienne jr. und Elisabeth) war dies zwar eine substanzielle Unterstützung, aber keineswegs ein Vermögen. Es war gerade genug, um die Reise zu finanzieren und einige Wochen oder Monate zu überbrücken.

Zum Vergleich: Der Maler Vermeer hatte im 17. Jahrhundert eine Brotschuld von 617 Gulden angehäuft - was mehreren Jahren Brotversorgung für eine Familie entsprach.[^3] Dies verdeutlicht, wie schnell auch größere Summen aufgebraucht werden konnten.

[^1]: What was a guilder worth? | Lens on Leeuwenhoek - Angaben zu Löhnen ungelernter Arbeiter in Delft [^2]: Historical Value of the Guilder: Measuring Vermeer's Prices - Jahresgehälter von Handwerkern [^3]: Historical Value of the Guilder: Measuring Vermeer's Prices - Tägliche Löhne und Preisvergleiche [^4]: Food in Seventeenth-Century Netherlands - Ausgaben für Grundnahrungsmittel

Die Einladung nach Deutschland

Die Familie wurde von Verwandten nach Deutschland eingeladen. Wer diese Verwandten waren, ist nicht dokumentiert - möglicherweise Kontakte aus der Stettiner Zeit oder andere hugenottische Familien in Berlin.


Historischer Kontext: Die politische Lage in Holland 1792

Europa am Vorabend des Krieges

1792 war ein turbulentes Jahr in Europa. Die Französische Revolution war in vollem Gange, und die europäischen Mächte bereiteten sich auf einen Konflikt vor. Das Datum des Vertrags - der 18. April 1792 - ist bemerkenswert: Nur zwei Tage später, am 20. April 1792, erklärte Frankreich Österreich den Krieg.

Zeitliche Einordnung

Datum Ereignis
1787 Preußische Armee unterdrückt die niederländische "Patriotten"-Bewegung und stellt die Oranier-Herrschaft wieder her
April 1789 Beginn der Französischen Revolution
20. April 1792 Frankreich erklärt Österreich den Krieg
18. April 1792 Etiennes Unterhaltsvertrag mit der Kirche in Rotterdam
1. Februar 1793 Frankreich erklärt Holland und England den Krieg
Winter 1794/95 Französische Invasion über die zugefrorenen Flüsse
19. Januar 1795 Batavische Republik wird ausgerufen

Die "Patriotten" und die Oranier

In den Niederlanden standen sich zwei politische Lager feindlich gegenüber:

  • Die "Patriotten" - eine reformorientierte Bewegung, die mit den Idealen der Französischen Revolution sympathisierte
  • Die Orangisten - Anhänger des Statthalters Wilhelm V.

1787 hatte die preußische Armee die Patriotten-Bewegung gewaltsam niedergeschlagen und die Oranier-Herrschaft wiederhergestellt. Viele Patriotten warteten auf eine Gelegenheit zur Revanche - und sahen in der französischen Revolutionsarmee ihre Befreier.[^5]

Mögliche Gründe für die Abreise

Für Etienne Cabos, einen gebürtigen Franzosen mit preußischer Militärvergangenheit, war die Lage besonders heikel:

  1. Kriegsgefahr war absehbar - Im April 1792 war klar, dass ein Krieg zwischen Frankreich und Holland bevorstand. Als gebürtiger Franzose wäre Etiennes Position in Holland schwierig geworden.

  2. Politische Spannungen - Die Patriotten (pro-französisch) und Orangisten standen sich feindlich gegenüber. Als Hugenotte war Etienne in einer komplexen Lage: Die Hugenotten waren vor dem katholischen Frankreich geflohen, aber das revolutionäre Frankreich war anti-klerikal und verfolgte nun auch protestantische Geistliche.

  3. Wirtschaftliche Not - Der Vertrag zeigt, dass die Familie bereits von kirchlicher Wohlfahrt abhängig war.

  4. Preußische Verbindungen - Etienne hatte Jahre in der preußischen Armee gedient. Mit dem drohenden Krieg zwischen Frankreich und den mit Preußen verbündeten Niederlanden war seine Loyalität möglicherweise fragwürdig.

  5. Familie in Deutschland - Der Vertrag erwähnt ausdrücklich eine Einladung von Familie in Deutschland - möglicherweise Kontakte aus der Stettiner Zeit oder andere hugenottische Familien in Berlin.

Das Timing ist auffällig: Der Vertrag wurde nur zwei Tage vor der französischen Kriegserklärung an Österreich unterschrieben. Die Zeichen standen auf Sturm, und für eine Familie mit französischen Wurzeln und preußischer Vergangenheit war Deutschland der sicherste Hafen.

[^5]: Batavian Revolution - Wikipedia und Batavian Republic - Wikipedia


Bedeutung für die Familiengeschichte

Dieses Dokument belegt:

  • Die finanzielle Not der Familie in Rotterdam
  • Die jahrelange Abhängigkeit von kirchlicher Unterstützung
  • Die Entscheidung zur Auswanderung nach Deutschland
  • Die Existenz von Familienverbindungen in Deutschland

Es ist ein ehrliches Zeugnis der Schwierigkeiten, mit denen viele Emigranten konfrontiert waren - trotz anfänglicher Hoffnungen auf wirtschaftlichen Erfolg.


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