Bulletin archéologique et historique (1907)¶
Ein französischer Bericht über die Hugenottenkolonie in Berlin¶
Seite aus dem Bulletin archéologique et historique de la Société archéologique de Tarn-et-Garonne (1907), die Etienne Cabos erwähnt.
Dokumentinformationen¶
| Feld | Wert |
|---|---|
| Dokumenttyp | Historische Zeitschrift |
| Titel | Bulletin archéologique et historique de la Société archéologique de Tarn-et-Garonne |
| Band | Tome 35 |
| Jahr | 1907 |
| Herausgeber | Société archéologique et historique de Tarn-et-Garonne |
| Verlag | Imp. et lith. Forestié, Montauban |
| Thema | Korrespondenz französischer Hugenotten in Berlin |
| Digitalisiert von | Bibliothèque nationale de France |
| ARK-Identifikator | ark:/12148/bpt6k5663511j |
| Online-Quelle | Gallica (BnF) |
| Lokale Kopie | sources/Bulletin_archéologique_et_historique_de_[...]Société_archéologique_bpt6k5663511j.pdf |
Über die Société archéologique de Tarn-et-Garonne
Die Société archéologique et historique de Tarn-et-Garonne wurde 1866 von Chanoine Ferdinand Pottier gegründet. Ihr erstes Bulletin erschien 1869, ab 1877 jährlich. Das Département Tarn-et-Garonne umfasst die Region um Montauban - nur etwa 30 km von Caussade entfernt, dem Geburtsort von Etienne Cabos.
Inhalt¶
Das Bulletin enthält Auszüge aus der Korrespondenz französischer Hugenotten in Berlin, insbesondere der Familien Palmié und Humbert. Diese Briefe geben einen faszinierenden Einblick in das Leben der französischen Kolonie in Preußen im späten 18. Jahrhundert.
Der Tod Friedrichs des Großen (1786)¶
Am 19. August 1786 berichtet Palmié seinem Cousin vom Tod des Königs:
„Die traurige Nachricht, die dieses Land gerade in Trauer versetzt hat, ist der Tod des großen Friedrich, der am Mittwoch um 2 Uhr morgens verstorben ist; nachdem er viel gelitten hatte, starb er wie ein Held, und ich bezweifle, dass seinesgleichen so bald wieder auf der Erde erscheinen wird. Trotz der schrecklichen Leiden durch Wassersucht, Gicht und zahlreiche andere Krankheiten hat er bis zum Ende an den Staatsangelegenheiten gearbeitet und erst am Mittwoch das Bewusstsein verloren ..."
Die Entlassung der Franzosen nach 1786¶
Der Tod Friedrichs brachte eine große Veränderung für die französische Kolonie. Aus einem Brief vom 21. November 1786:
„Herr de Launay, Leiter der Verwaltung, wurde entlassen, Direktor Grodait, mit dem Sie 1766 gereist sind, wurde ebenfalls entlassen; wahrscheinlich werden alle Franzosen das gleiche Schicksal erleiden, es sei denn, sie beherrschen die deutsche Sprache... Es gibt eine königliche Kommission, die die Beschwerden der Kaufleute prüft und Abhilfe schafft. Wir werden alle Hindernisse beseitigen, mit denen uns die Franzosen belastet haben..."
Etienne Cabos im Bulletin¶
Neue Erkenntnisse über Etienne Cabos
Das Bulletin enthält eine direkte Erwähnung von Etienne Cabos - mit überraschenden Details, die in keiner anderen Quelle auftauchen!
Der Text berichtet über französische und gaskognische Deserteure, die in preußische Regimenter aufgenommen wurden:
„Einer dieser Deserteure, Etienne Cabos, dessen älterer Bruder wegen eines mir unbekannten Vergehens in Caussade hingerichtet worden war, war 1792 von der französischen Besatzungsmacht aus Holland vertrieben worden; auf seiner überstürzten Flucht hatte er seine Habseligkeiten verloren.
Dieser Abenteurer wurde nacheinander Friseur, Zahnarzt, Parfümeur und trat in das Regiment de Brévern ein; er erhielt zahlreiche Schläge, um die preußische Exerzierkunst zu erlernen.
Seine Frau, die das Erbe eines Offiziers angetreten hatte, wurde 1802 zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern ins Krankenhaus eingewiesen."
Analyse dieser Passage¶
Diese Passage wirft ein völlig neues Licht auf Etienne Cabos:
| Behauptung | Bewertung | Anmerkung |
|---|---|---|
| "Deserteur" | ⚠️ Unklar | War Etienne ein Deserteur aus der französischen Armee? Oder bezieht sich dies auf sein Verlassen Preußens? |
| Bruder hingerichtet | ❓ Vierter Bruder? | Weder Jean (†1796) noch Pierre (1740, jünger als Etienne). Wenn wahr, muss es einen vierten, älteren Bruder gegeben haben! |
| 1792 aus Holland vertrieben | ✅ Bestätigt | Passt zum Unterhaltsvertrag vom April 1792, aber "französische Besatzungsmacht" ist anachronistisch - die Franzosen kamen erst 1795 |
| Habseligkeiten verloren | ⚠️ Möglich | Passt zur finanziellen Notlage der Familie |
| Friseur, Zahnarzt, Parfümeur | ✅ Teilweise bestätigt | Die Tätigkeit als Zahnarzt ist durch die Hallischen Anzeigen belegt |
| Regiment de Brévern | ⚠️ Abweichend | Andere Quellen nennen das Regiment Nr. 8 (von Hacke) |
| Prügelstrafe | ✅ Historisch korrekt | Die preußische Armee war für ihre harte Disziplin bekannt |
| Frau erbte von Offizier | ❓ Nicht verifiziert | Keine andere Quelle erwähnt dies |
| 1802 im Krankenhaus | ⚠️ Teilweise | Etienne starb 1808 im Krankenhaus; 1802 wäre früher |
Kritische Einordnung¶
Der Autor des Bulletins schrieb 1907 - etwa 100 Jahre nach den Ereignissen. Seine Informationen stammen aus Familienbriefen, die möglicherweise Gerüchte und Hörensagen enthielten. Einige Details (wie die "französische Besatzungsmacht" 1792) sind chronologisch falsch.
Dennoch ist diese Quelle wertvoll, weil sie:
- Etienne als bekannte Figur in der Berliner Hugenottenkolonie zeigt
- Seine vielfältigen Berufe bestätigt
- Hinweise auf familiäre Tragödien in Caussade gibt
- Die harten Lebensbedingungen in der preußischen Armee beschreibt
Historischer Kontext: Die Affäre Rochette (1761-1762)¶
Hinrichtungen in Caussade zur Zeit Etiennes
Obwohl keine direkte Verbindung zur Familie Cabos nachgewiesen werden konnte, gab es in Caussade genau zur Lebenszeit Etiennes eine berühmte Hinrichtungsaffäre, die die protestantische Gemeinde erschütterte.
Die Verhaftung in Caussade¶
Am 14. September 1761 wurde der protestantische Pastor François Rochette in Caussade verhaftet. Er hatte als Wanderprediger "im Désert" (im Untergrund) illegale reformierte Gottesdienste in der Region um Montauban gehalten. Etienne Cabos war zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt und lebte vermutlich noch in Caussade.
Am nächsten Tag versuchten drei protestantische Adlige - die Brüder Henri, Jean und Joachim de Grenier - den Pastor zu befreien und wurden ebenfalls verhaftet.
Die Hinrichtung in Toulouse¶
Am 19. Februar 1762 wurden alle vier vom Parlement de Toulouse hingerichtet:
| Person | Alter | Hinrichtungsart |
|---|---|---|
| François Rochette (Pastor) | 26 | Erhängt |
| Henri de Grenier | 44 | Enthauptet |
| Jean de Grenier | 32 | Enthauptet |
| Joachim de Grenier | 22 | Enthauptet |
Diese Hinrichtung war eine der letzten religiösen Verfolgungen unter dem Ancien Régime. Nur wenige Wochen später, am 10. März 1762, wurde Jean Calas in Toulouse hingerichtet - ein Fall, der durch Voltaires Intervention europaweit Aufsehen erregte.
Mögliche Verbindung zur Behauptung im Bulletin¶
Die Behauptung über den "hingerichteten Bruder" könnte verschiedene Erklärungen haben:
- Verwechslung: Der Autor von 1907 könnte Informationen über die Grenier-Brüder mit der Familie Cabos verwechselt haben
- "Glaubensbruder": "Bruder" könnte metaphorisch einen Glaubensbruder der protestantischen Gemeinde meinen
- Tatsächlicher Cabos: Es könnte einen unbekannten Cabos gegeben haben, der in dieser turbulenten Zeit hingerichtet wurde
- Fluchtgrund: Die Verfolgungen könnten Etienne zur Flucht nach Preußen bewogen haben - auch ohne direkten familiären Bezug
Forschungsbedarf
Eine Suche in den Archives du Parlement de Toulouse (sacs à procès) und den Archives départementales de Tarn-et-Garonne könnte weitere Hinweise liefern.
Quellen:
Friedrich der Große und die französische Kolonie¶
Das Bulletin enthält auch einen bemerkenswerten Brief Friedrichs des Großen von 1781, in dem er die Privilegien der französischen Kolonie verteidigt:
„Da der König keinesfalls zulassen würde, dass jemand die Privilegien seiner Untertanen im Allgemeinen und der französischen Flüchtlinge im Besonderen antastet [...] hat Seine Majestät nicht nur den Antrag einiger Juden, die dasselbe Privileg anstreben, vollständig abgelehnt, sondern auch dem Generaldirektor seiner Finanzen angeordnet, dass dieses Privileg niemals aus der französischen Kolonie herausgenommen werden darf..."
Potsdam, 5. Oktober 1781.
Eigenhändig geschrieben: „M. P. Sie haben von mir nichts zu befürchten, wenn ich Ihnen einen Dienst erweisen kann, ja, aber Ihnen niemals schaden." FRÉDÉRIC.
Dies zeigt, wie sehr Friedrich die Hugenotten schätzte - eine Haltung, die sich nach seinem Tod 1786 änderte.
Bedeutung für die Familiengeschichte¶
Dieses Dokument ist eine der wenigen externen Quellen, die Etienne Cabos namentlich erwähnen. Es ergänzt das Bild eines Mannes, der:
- Möglicherweise eine tragische Familiengeschichte in Frankreich hatte
- Verschiedene Berufe ausübte, um zu überleben
- Die Härten der preußischen Armee erlebte
- Trotz aller Widrigkeiten eine Familie gründete und erhielt
Die Entdeckung der Brüder Jean Cabos (†1796 Caussade) und Pierre Cabos (geb. 1740, jünger als Etienne) zeigt, dass keiner von beiden der hingerichtete "ältere Bruder" war. Wenn die Behauptung im Bulletin stimmt, muss es einen vierten, älteren Bruder gegeben haben, der vor 1737 geboren wurde. Diese Frage bleibt ein faszinierendes Rätsel für weitere Forschungen in den Kirchenbüchern von Caussade.
